TV 1862 Bensheim

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Verein

Die Entstehung des TV 1862 Bensheim

Beim ältesten Bergsträßer Turnverein wurde Theater gespielt

Der Turnverein Bensheim feiert in diesem Jahr sein 145-jähriges Bestehen. Das ist zwar kein richtig "rundes" Jubiläum (das darf in fünf Jahren begangen werden), aber dennoch etwas ganz Besonderes: 1862 gegründet, ist der TVB der älteste Turnverein im Kreis Bergstraße. Und er wäre sogar der älteste Sportverein, gäbe es da nicht die Schützen mit ihrer noch wesentlich weiter zurück reichenden Tradition: Bis ins Jahr 1570 lässt sich die Geschichte der PSG Auerbach zurückverfolgen, bis 1578 die der PSG Zwingenberg.

Die Bemühungen um die Gründung eines Turnvereins in Bensheim gehen ins Jahr 1861 zurück. Am 8. Juni dieses Jahres stand im Bergsträßer Anzeigeblatt: "Gut Heil! Es hat sich dahier ein Turnverein gebildet, wozu jeder junge unbescholtene Mann von hier und Umgegend zum Beitritt eingeladen wird. Die Beitrittserklärung ist schriftlich in der J. Guntrum'schen Bierbrauerei abzugeben. Der Vorstand." Im Jahr darauf folgte der offizielle Eintrag ins Vereinsregister.

Die namensgebenden Turner stellen auch heute noch die grösste Abteilung im TV Bensheim, in dem ausserdem die Sportarten Badminton und Tischtennis sowie unter anderem Hapkido für Kinder und Nordic Walking (ebenso wie die große Sparte des Gesundheitssports als Gruppierungen in der Turnabteilung integriert) betrieben werden. In seiner wechselvollen, von drei Kriegen gezeichneten Geschichte waren noch rund ein Dutzend weiterer Sportarten im Angebot des TV. Fußball, Handball, Leichtathletik und Schwimmen etwa, aber auch Schlagball, Korbball und Rollschuhlaufen. Oder Faustball (die Abteilung wurde vor wenigen Jahren nach fast 70-jährigem Bestehen aufgelöst). Und neben einer Wanderabteilung gab es beim TV Bensheim sogar eine eigene Theatergruppe, zuletzt in den 1950er Jahren. Eine Aufführung im Jahr 1885 kommentierte das Bergsträßer Anzeigeblatt mit den Worten: "Schade, dass dieselben so wenig in letzter Zeit an die Öffentlichkeit treten."

Mit Wehmut denken viele TVB-Sportler heute angesichts knapper Hallenkapazitäten daran, dass der Verein bis zum Zweiten Weltkrieg eine eigene Halle besass. "Mit Genehmigung der Stadt durfte" Anfang des vergangenen Jahrhunderts dafür "eine Sammlung unter den wohlhabenden Kreisen der Bevölkerung veranstaltet werden", wie in der Chronik zum 125-jährigen Bestehen 1987 zu lesen ist. Am 9. August 1908 wurde die vereinseigene Halle an der Wormser Straße (heute Aldi und Kindercenter Vetter) eingeweiht. Die Handballer und die Fußballer des Vereins richteten zudem 1926 einen Platz an der Meerbachstraße für eigene Zwecke her, weil "wegen der unzulänglichen hygienischen Zustände auf dem Waldspielplatz des TV Schönberg nach einer Ausweichmöglichkeit gesucht wurde" (Chronik).

An der eigenen Halle hatten die Bensheimer Turner nicht allzu lange ihre Freude. Bereits im Ersten Weltkrieg musste das Gebäude als Gefangenenlager an die Stadt verpachtet werden und konnte erst 1922 wieder vom TVB genutzt werden. 1938 konnte der Verein die Unterhaltskosten für die Halle nicht mehr aufbringen. Das Gebäude wurde verkauft - mit der Zusicherung auf eine weiterhin unentgeltliche Nutzung, "doch wurde diese Vereinbarung bereits vor Kriegsausbruch von der nationalsozialistischen Stadtverwaltung gebrochen" (Chronik).

Finanzielle Probleme waren die Folge weiterer Zwangsmaßnahmen der Nationalsozialisten, die die Vereine zum Ausschluss aller jüdischer Mitglieder aufforderte. In der Festschrift zum 100-Jährigen des TVB wird dazu angemerkt: "Wir haben es den Juden damals hoch angerechnet, daß wir ihnen den Ausschlußbefehl nicht auszurichten brauchten, sie erklärten freiwillig ihren Austritt." Am 13. Mai 1938 erfolgte die (ebenfalls erzwungene) Auflösung des TV Bensheim - einige Mitglieder blieben in Kontakt, trieben weiterhin gemeinsam Sport und erweckten schließlich am 3. Juli 1950 den "Turnverein 1862 Bensheim" wieder zum Leben.

Bericht aus dem Bergsträßer Anzeiger
12. Juli 2007 (kr)

 

 

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